Flyer crée pour la pièce "La Dame aux camélias" de Frank Castorf ǀ © Paris Kontrast

Deutsche Theaterszene in Paris

Publiziert am 12/07/2012 von piahoelz

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Ein kurzer Blick auf die Theatersaison 2012 zeigt das starke Interesse der Pariser Theater für Theaterstücke deutschsprachiger Autoren und für das berühmte “Regietheater”.

Eine Theatersaison 2012 im Zeichen des deutschen Theaters

Dieses Interesse äußert sich in vielfältiger Weise. Beispielsweise in der Adaption deutschsprachiger Stücke. Dies ist beispielsweise der Fall beim avantgardistischen Nationaltheater La Colline, das von Stéphane Braunschweig geleitet wird, einem bekennenden Fan des deutschen Theaters. Nachdem das Stück “Unter Tage” von Arne Lygre, auf Deutsch mit französischen Untertiteln, im vergangenen Winter inszeniert wurde, zeigt das Theater in diesem Frühjahr “Im Dickicht der Städte” von Bertolt Brecht und “Holzfällen. Eine Erregung” von Thomas Bernhard.

Aber das Interesse der Pariser Theater geht über den Text hinaus. Sie interessieren sich auch für die Akteure der deutschen Theaterszene wie die Intendanten und die Schauspieler. Das renommierte Odeon-Theater arbeitete, innerhalb von nur ein paar Monaten, mit den beiden größten Repräsentanten des post-dramatischen Theaters in Berlin zusammen: dem legendären Intendanten der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, eingeladen im vergangenen Januar, um die “Die Kameliendame” nach Texten von Alexandre Dumas, Georges Bataille und Heiner Müller zu inszenieren, und mit dem künstlerischen Leiter der Volksbühne, Thomas Ostermeier, der im April “Maß für Maß” von William Shakespeare zeigte.

Rezeption der Öffentlichkeit zwischen Begeisterung und Bestürzung

Diese Faszination für das deutsche Theater wird von vielen Kritikern und dem Pariser Publikum geteilt, die daran interessiert sind, andere Theaterkonzeptionen zu entdecken. Aber manchmal lösen die Inszenierungen des deutschen Regietheaters Verwirrung oder sogar offene Feindseligkeit bei den französischen Zuschauern aus, was besonders deutlich bei den Aufführungen der “Kameliendame” zu spüren war:  Jeden Abend leerte sich der Zuschauersaal deutlich und die Schauspieler sahen sich manchmal schimpfenden, geräuschvoll den Raum verlassenden Zuschauern ausgesetzt.

Diese geteilte Rezeption liegt wahrscheinlich unter anderem an einer sich stark unterscheidenden Theaterkultur in Frankreich und in Deutschland. Während die Franzosen an werktreue Inszenierung gewöhnt sind, dominiert heute das postdramatische Theater die deutsche Theaterszene. Nicht mehr der Text, sondern die Inszenierung steht an erster Stelle. Die Haltung des Regisseurs zum Text im postdramatischen Theater ist ironisch und distanziert. Dieser ungehemmte und freie Bezug zum Text führt dazu, dass viele deutsche Regisseure nicht nur ursprünglich für die Bühne geschriebene Texte, sondern auch Romane, Drehbücher usw. inszenieren.

Dieser Trend, obgleich sehr dominant, ist auch in Deutschland nicht unumstritten. Der Regisseur Claus Peymann, Intendant des renommierten Berliner Ensembles, wirft dem postdramatischen Theater vor, den heiligen Moment, die Fiktion, das heißt, an was das Publikum während der Vorführung glaubt, zu zerstören. Dieser Vorbehalt trägt ihm die wiederkehrende Kritik ein, er sei konventionell und konservativ. Dies verhindert nicht, dass seine Aufführungen immer bis auf den letzten Platz ausverkauft sind und dass er auf ein begeistertes Publikum im Ausland trifft, vor allem in Paris, wo das Berliner Ensemble zwei Mal in dieser Saison empfangen wurde, mit Inszenierungen Bernhards und Wedekinds am Théâtre de la Ville.

Verschiedene Systeme

Nicht nur im Theaterspielen und in der Theaterkonzeption bestehen große Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland, sondern auch in Bezug auf die wirtschaftliche Strukturierung der Theaterlandschaft und die Organisationsform der Bühnen. Während Deutschland auf seinem gesamten Gebiet eine Vielzahl privater und öffentlicher Theater hält – davon 145 staatlich gefördert: Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen -, sind in Frankreich, mit einigen Ausnahmen, alle wichtigen Theater in Paris konzentriert.

Darüber hinaus zeigen die deutschen Bühnen viele verschiedene Stücke während eines langen Zeitraumes, mit einem festen Ensemble. Die Schauspieler werden oft für mehrere Jahre beschäftigt. In Frankreich ist genau das Gegenteil der Fall: Es gibt nur wenige an ein Theater gebundene Truppen und die Stücke werden in der Regel nur ein Mal, für einen kurzen Zeitraum (rund vier Wochen im Durchschnitt), gezeigt. Eine Instabilität, die zumindest einen Vorteil hat: Sie erlaubt es den Pariser Theatern, regelmäßig Ensembles zu Gastspielen einzuladen. Eine international breitere Öffnung als in Berlin, was Claus Peymann bei einem Theatergespräch im vergangenen Januar im Theatre de la Ville zu der Aussage führte, Paris sei die Metropole des europäischen Theaters.

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