Théâtre des Abbesses  / Photo © Paris Kontrast

Deutsch-französisches Theatergespräch

Publiziert am 02/02/2012 von Paris Kontrast

Dieser Artikel ist auch verfügbar in: Französisch

Im Januar 2012 gastierte der Leiter des Berliner Ensembles Claus Peymann, mit seiner Inszenierung „einfach kompliziert“ von Thomas Bernhard, im Théâtre des Abbesses auf dem Montmartre, Zweigstelle des Théâtre de la Ville.
Im Anschluss an eine Sonntagnachmittag-Aufführung wurde das Pariser Publikum zu einem Gespräch mit Claus Peymann, Jutta Ferbers, Dramaturgin, Co-Direktorin des Berliner Ensembles, und Gert Voss, Hauptdarsteller des Stücks, eingeladen. Man könnte annehmen, dass es besonders schwer sei, einem nicht-deutschsprachigen Publikum ein Stück wie „einfach kompliziert“, das sich stark über seine Sprache definiert, zu vermitteln (das Stück wird auf Deutsch mit französischen Untertiteln gespielt). Die französischen Zuschauer waren jedoch einhellig begeistert.
Neben Fragen zum Stück wurden vor allem die Unterschiede des jeweiligen Theatersystems und die unterschiedliche Auffassung von Theaterspielen in Frankreich und Deutschland erörtert.

Unterschiedliche Theatersysteme in Frankreich und Deutschland

Vielzahl versus Konzentration

 In Deutschland gibt es eine Vielzahl verschiedener Spielstätten, also rund 145 öffentlich getragene Theater (Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen). Hinzu kommen noch ungezählte Privattheater. In Frankreich hingegen konzentrieren sich alle wichtigen Spielstätten in Paris.

 Repertoiretheater versus en-suite-Spielplan

Des Weiteren werden an den Theaterhäusern in Deutschland viele verschiedene Werke über einen langen Zeitraum mit einem festen Ensemble gespielt. Die Schauspieler sind meist über mehrere Jahre engagiert. In Frankreich ist genau das Gegenteil der Fall: Es gibt kein Ensemble und die Stücke stehen nur ein Mal und während eines kurzen Zeitraumes, ungefähr vier Wochen lang, auf dem Spielplan. Die Produktionen machen also nur Station in den Theatern. Dank der vielen Gastspiele wird Paris von manchen als europäische Theatermetropole bezeichnet, deren Internationalität es in Berlin nicht gibt.

Junge Theaterautoren-Generation

Darüber hinaus konnten sich in Frankreich seit Sartre, Camus und Genet keine hervorragenden Theaterautoren durchsetzen. Natürlich gibt es Ausnahmen wie beispielsweise Yasmina Reza, Éric Emmanuel Schmitt, Bernard-Marie Koltès. Im deutschsprachigen Raum dagegen gibt es viele erfolgreiche Theaterautoren, etwa Botho Strauß, Elfriede Jelinek, Dea Loher, Thomas Bernhard, Heiner Müller, Peter Handke, Falk Richter. Rund 500 Ur- und deutschsprachige Erstaufführungen kommen pro Jahr auf die Bühne.

Unterschiedliche Auffassung von Theaterspielen

Während in Frankreich werktreue Inszenierungen Tradition haben, ist in Deutschland das sogenannte post-dramatische Theater en vogue. Nicht mehr der Text steht im Vordergrund, sondern die Inszenierung. Der Regisseur nimmt eine ironisch-distanzierende Haltung zum Text ein. Post-dramatische Regisseure inszenieren nicht nur Dramen, sondern Romane, Filmskripte u.s.w. Der Regisseur Claus Peymann wirft dem post-dramatischen Drama vor, das heilige Moment, die Fiktion, also das, an was der Zuschauer während der Vorstellung glaubt, zu zerstören. Dem Leiter des Berliner Ensembles wird wiederum vorgeworfen, konventionell und traditionalistisch zu sein. Ihn stört das nicht, ist doch sein Haus immer bis auf den letzten Platz ausverkauft.


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