Skyline Front de Seine

Moderne Architektur im Hochhausviertel Front de Seine

Publiziert am 22/09/2011 von piahoelz

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Nicht weit vom Eiffelturm, linksseitig der Seine, zwischen der pont Mirabeau und der pont Bir-Hakheim, kann man sich ein Beispiel für die radikale Umsetzung moderner Architekturtheorie anschauen: Das Hochhausviertel Front de Seine.

Die Moderne in der Architekturepoche

Um die Strömung der Moderne in der Architekturepoche zu verstehen, muss man bis ans Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehen. Eine kleine Gruppe Utopisten, darunter der französische Architekt Claude-Nicolas Ledoux, stellen die Architekturtheorien des  Barock, die wesentlich nach Verbindung und Hierarchie strebten, in Frage. Sie erfinden ein völlig neues Autonomieprinzip: Nichts sollte mehr miteinander verbunden sein und nichts sollte mehr dominieren. Die Ideen der Bewegung finden jedoch in der Folge nur wenig Beachtung. Erst in der Nachkriegszeit greifen neue Theoretiker die Prinzipien wieder auf. Ihre Thesen entwickeln sich in Deutschland und in der damaligen Sowjetunion und werden von Le Corbusier in seiner charte d’Athènes formalisiert.

Theorien der Moderne

Die Theorien der Moderne fordern  Autonomie, Ablehnung von Hierarchie, Trennung von Funktionsgebieten und Zirkulation. Vier städtebauliche Funktionen liegen ihnen zugrunde: Wohnen, Arbeiten, Erholen und Bewegen sowie 5 Architekturprinzipien: freigelegter Boden, bewohnte Terrasse, freie Ebene, freie Fassade und horizontale Fenster. Das 1970 erbaute Quartier Front de Seine wurde von den Architekten Raymond Lopez und Henry Pottier radikal nach diesen Theorien konzipiert.

Vertikales Bauen

Anstatt horizontal vertikal erbaut, schraubt sich das mehrlagige Viertel mit seinen rund 100 Meter hohen Türmen in den Himmel. Das gesamte Quartier steht auf einer 6 Meter über dem natürlichen Boden gelegenen Platte, um so Fahrzeug- und Fußgängerverkehr voneinander zu trennen. Parkplätze und Garagen finden sich unterhalb der künstlichen Ebene. Über unscheinbare und etwas verwahrloste Treppen, Rampen oder Rolltreppen, Letztere sind fast alle außer Betrieb,  kommt man hinauf. Allerdings muss man diese erst einmal finden, genauso wie die versteckten Hinweisschilder. Für diesen Spaziergang muss man auf jeden Fall ein bisschen Abenteuerlust mitbringen!

Cheminée du Front de SeineLa Cheminée du Front-de-Seine

Ein guter Ausgangspunkt ist beispielsweise der Square Bela Bartók an der place de Brazzaville. Der Garten wurde 1981 zu Ehren des ungarischen Komponisten angelegt. Dort befindet sich auch gleich das “Herz” des Viertels:  Die cheminée du Front-de-Seine,  auch cheminée de Grenelle genannt.  Leuchtend weiß strahlt der Schornstein mit dem nahen Eiffelturm um die Wette. Und mit seinen 130 Metern kann er es sich leisten: Er ist das höchste Bauwerk im 15. Bezirk und sogar das vierthöchste in ganz Paris, nach der tour Eiffel (324 m) der tour Montparnasse (210 m) und dem Hôtel Concorde La Fayette (137 m),  natürlich abgesehen vom modernen Hochhausviertel la Défense westlich von Paris. Übrigens stammt sein Erfinder ursprünglich aus Deutschland. Der 1911 in Konstanz geborene Bildhauer François Stahly verbrachte seine Kindheit in der Schweiz und ließ sich Anfang der 1930er Jahre in Paris nieder.  Der von ihm konzipierte cheminée de Front de Seine wurde zwischen 1970 und 1971 erbaut.

Tour Totem

An der Bronzestatue zu Ehren des Komponisten Bela Bartoks führt eine versteckte Treppe auf die Platte. Rechts gelangt man über eine Holzbrücke zu den Hochhäusern Seine, Evasion 2000, Mars und Mercure. Die 1970 errichtete tour Seine zählt zu den ältesten Türmen.  Außerdem hat hier die berühmte französische Verlagsgruppe Hachette Livre ihren Sitz.
Begibt man sich zurück auf die Brücke und geht weiter in Richtung Westen, gibt es weitere beeindruckende Gebäude zu entdecken. Zu den architektonisch interessantesten  zählt die 1978 erbaute  tour Totem in der 55, quai de Grenelle. Den Architekten Michel Andrault und Pierre Parat ging es darum, das Bauskelett  des 98 Meter hohen Gebäudes sichtbar zu machen. Die Strukturpfeiler aus Beton sind über die gesamte Höhe des Turms sichtbar. Innen beherbergen sie Aufzüge und Treppenhäuser.  Das Wohnhochhaus verfügt über 31 Etagen und umfasst 207 Appartements, die in Form von verglasten Blöcken  an der Außenwand gruppenweise “angebracht” sind.

Hôtel Novotel Paris Tour Eiffel

Erwähnenswert ist auch das von den Architekten Julien Penven und Jean-Claude Le Bail entworfene Hôtel Novotel Paris Tour Eiffel, in der 61, quai de Grenelle. Der 1976 erbaute Turm ist mit 764 Zimmern kapazitätsmäßig eines der größten Hotels in Paris. Das Hochhaus ist 98 Meter hoch und hat 31 Stockwerke. Es ist besonders auffällig durch seine Aluminium-Fassade mit 1068 rot umrandeten Fenstern.

Tour Christal

Wegen aktueller Bauarbeiten kann die Platte derzeit nicht von einem Ende zum anderen Ende überquert werden. Um auf den nächsten Abschnitt zu gelangen, muss man die rue Linois überqueren. In der rue des quatre frères Peignot  biegt man rechts in die rue de l’ingenieur Robert Keller ein. Am Ende der Straße steht man vor einem weiteren sensationellen Turm : la tour Christal. Der letzte Turm des Quartiers Front de Seine wurde 1990 errichtet. Die Konzeption übernahmen abermals die Architekten Julien Penven und Jean-Claude Bail. Das Hochhaus sieht aus wie eine große Glas-Skulptur Die oben “abgeschnittenen” Flächen erinnern an die Form eines  Diamanten.  Die Farben der Fassade variieren mit dem Licht.

 Alle Türme erreichen die gleiche Höhe von rund 100 Metern, was bei manchem Betrachter den Eindruck von Monotonie hervorruft. In den 30 bis 32 Etagen befinden sich zu 2/3 Wohnungen und zu 1/3 Büros, wobei die Appartements  im oberen und die Büros im unteren Bereich untergebracht sind. Eine  weitere Gemeinsamkeit sind die Turmsockel in Form einer “Wespentaille”. Dahinter steckt die architektonische Absicht,  die Fußgängerebene freizulegen.

Sockel in "Wespentaille-Form"Von der gegenüberliegenden Allée des cygnes (Schwanenallee), zugänglich über die Brücken le pont de Grenelle im Westen oder le pont de Bir-Hakeim im Osten, hat man einen tollen Blick auf die Skyline. Im Südwesten der Allee erhebt sich eine Bronzekopie der Freiheitsstatue, entworfen von dem französischen Bildhauer Frédéric Auguste Bartholdi.

Das Projekt löste bei Baubeginn heftige Kritik aus und bleibt bis heute, im Gegensatz zum etwas älteren, von der Bevölkerung akzeptierten Hochhausviertel la Defense, umstritten.

Siehe auch das Porträt des 28-jährigen Wilfried, Einwohner des Viertels Front de Seine >>

MEHR BILDER >>

PRAKTISCHE INFORMATIONEN:
M°: Bir-Hakheim, Dupleix (6), Charles Michels (10)

QUELLEN:
Galy-Dejean, René: Le Front de Seine, Paris XVe. SEMEA XV.
Lopez, Raymond et Pottier, Henry: Front de Seine. 1 Rénovation urbaine.
Pfeiffer, Jacques  : Un des premiers ensembles sur dalles. Le Front de Seine.

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