Die riesige Halle Curial © Thérèse Hilbold

Das Kulturzentrum Centquatre ist ein Ort der Begegnung für das 18. und 19. Viertel

Publiziert am 03/02/2014 von theresehilbold

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Le Centquatre hat sich in weniger als drei Jahren zur angesagtesten Kulturlocation der Hauptstadt entwickelt, indem es auf eine doppelte Herausforderung reagierte: einen Begegnungsort für die Bewohner des 18. und 19. Arrondissements zu schaffen und sich gleichzeitig im Bereich der künstlerischen Kreation auf internationalem Niveau an die Spitze zu setzen.

Musik, Tanz, bildende Kunst, Kochateliers, Lesungen, Tausch von CDs, DVDs und Vinyl-Platten, Zirkuskunst, künstlerische Sensibilisierung für Kleinkinder, Tischler-Workshops, digitale Labore, Biomarkt: Hier findet man alles für jeden Geschmack und jedes Alter. Man kann auch günstig Räume mieten für Hochzeitsfeiern, Versammlungen, Proben und handwerkliche oder künstlerische Tätigkeiten…

Der Gemüsestand auf dem Biomarkt, jeden Samstag bis 14 Uhr geöffnet © Thérèse Hilbold

Man trifft hier Berühmtheiten wie den Schauspieler Mathieu Amalric, aber auch zahlreiche Jugendliche der anliegenden Viertel, die sich im Hip-Hop-Tanzen, Jonglieren, Thaiboxen und in Zirkuskunst üben. Man könnte einen ganzen Samstagnachmittag damit verbringen, in der riesigen Haupthalle Curial den Jugendlichen dabei zuzusehen, wie sie in kleinen Gruppen vor senkrechten Spiegeln trainieren.

Es werden Tanzkurse für Wu Tao angeboten, eine „energetische“ Disziplin, ein bisschen wie Qi Gong, Tai-Chi und Yoga, die eine flexible Wirbelsäule und Atemkonzentration erfordert (freier Eintritt und ohne Anmeldung).

Vom 1873 gegründeten Beerdigungsinstitut „Pompes Funèbres“ zum heutigen kulturellen Bienenstock

Le Centquatre ist ein riesiges Backsteingebäude mit hohen Glasdächern, zwei Hallen, Künstlerateliers und in Garagen umgewandelten Ställen. Das Areal erstreckt sich auf 16.000 Quadratmetern.

Das 1873 von der Diözese Paris erbaute Haus fungierte damals als Beerdigungsanstalt, die ausschließlich Beerdigungen für überzeugte Katholiken organisierte. Die „schlechten Bürger“ wie Selbstmörder, Geschiedene, Schauspieler, Prostituierte und Abtrünnige wurden ausgeschlossen…

Infolge der Trennung von Kirche und Staat (1905) wurden in den „Pompes Funèbres“ nun auch Beerdigungen für alle Pariser, mit oder ohne Religion, durchgeführt.

Das Beerdigungsunternehmen blieb bis 1993 Stadt-Monopol. Dieses Datum markiert den unweigerlichen Niedergang des Gebäudes, das 1998 endgültig geschlossen wurde.

Auf dem Höhepunkt seiner betrieblichen Aktivität starteten 27.000 Leichenwagen jährlich – hunderte täglich – von diesem Gebäude, wo 1.400 Menschen arbeiteten und mehr als 300 Pferde untergebracht wurden, um die Leichenwagen zu ziehen. Die Pferde wurden 1928 durch Autos ersetzt.

Jugendliche, die sich im Breakedance üben © Thérèse Hilbold

Hunderte Tischler, Karosserieklempner, Mechaniker, Schneiderinnen, Maler und Maurer arbeiteten für das Unternehmen, von den Friseuren, Schuhputzern und Beamten in den Büros ganz zu schweigen.

Nach dem Ende des Stadt-Monopols auf das Beerdigungsinstitut entzweite eine harte politische Schlacht die Befürworter des Abbruches des Gebäudes und des Baus von Sozialwohnungen und die Befürworter der Bewahrung dieses Erbes und seines Umbaus in ein städtisches Kulturzentrum. Die Ersteren verloren und die Stätte wurde 1995 als denkmalgeschütztes Gebäude klassifiziert, was es endgültig vor dem Abriss rettete.

2001 stieß man ein ehrgeiziges Restaurierungsprojekt an. Nach den Bauarbeiten, die den Pariser Steuerzahler 100 Millionen Euro kosteten, wurde das Gebäude seit 2008 für jedermann zugänglich gemacht.

Nach zögerlichen Anfängen wurde durch die Ernennung (2010) eines neuen Direktors, José-Manuel Gonçalvès, die Maschine in Gang gesetzt und der künstlerische Erfolg des Centquatre kann sich sehen lassen.

Le Centquatre heute

Le Centquatre ist so benannt, weil es auf einer Seite an der Rue Aubervilliers 104 liegt. Aber heute ist sein Haupteingang an der Rue Curial 5, dort, wo sich die Hochhäuser und die belebteren Viertel befinden.

Majestätischer Eingang des Centquatre an der Rue Curial, Haus Nummer 5 © Thérèse Hilbold

Zwischen 300 und 500 Jugendliche aus den Vorstädten kommen täglich hierher, um in den Hallen Curial und Aubervilliers zu proben und zu trainieren. Ohne Taschendurchsuchung am Eingang und ohne Sicherheitsportal. Es gibt zwar manchmal Zwischenfälle, aber nur ganz selten, versichert die Direktion. Nicht mehr als eine Rauferei pro Vierteljahr. Denn das aufmerksame Personal hat eine entsprechende Ausbildung.

Aber Jugendliche sind nicht die einzigen Gäste. Viele Künstler, Besucher und Zuschauer sind auch anwesend. Die soziale Mischung funktioniert.

Von 2010 bis Ende 2013 hat das Centquatre mehr als eineinhalb Millionen Besucher angezogen. „Und noch viele mehr, wenn man diejenigen berücksichtigt, die zum Schlendern, Tanzen und Essen kommen“, resümiert José-Manuel Gonçalvès. Allein 2012 haben mehr als 500.000 Personen das 104 besucht.

Das „Café caché“ © Thérèse Hilbold

Ständig halten sich zehn „Artist in Residence“-Künstler im 104 auf, die im Anschluss an ihren Aufenthalt ihre Kreationen vorstellen. Im Laufe von drei Jahren haben hier rund 1000 künstlerische Teams residiert, betont die Direktion, um eine Idee von Umfang und Intensität der kreativen Aktivität des Centquatre zu geben.

Wer das Kulturzentrum ausgiebig und auf eine ausgefallene Art besichtigen möchte, dem sind die „Führungen“ des Schauspielers und Regisseurs Bertrand Bossard zu empfehlen. Seine Besichtigungen sind lustig, denn man weiß nie, ob er die „historische Wahrheit“ erzählt oder einem Lügengeschichten auftischt. Aber er gibt seinen Besuchern im Eilschritt einen vollständigen Überblick über die Stätte, einschließlich der ehemaligen Ställe.

Danach hat man die Wahl zwischen vielen Dutzend Veranstaltungen und Ausstellungen. Der Eintrittspreis variiert zwischen 0 bis 35 Euro. Auf dem Programm stehen Tanz, Theater, Zirkus und neue Zauberei, visuelle Künste, Musik und Festivals.

Man kann auch durch einige Geschäfte des 104 schlendern, wie die Buchhandlung Le Merle Moqueur (20.000 Titel), den Shop Emmaüs (ein Solidaritätsladen) das Lebensmittelgeschäft des Centquatre (mit Bio-Produkten, jeden Tag geöffnet) und den Bio-Markt (nur samstags). Für das leibliche Wohl sorgen das Café Caché, Les Grandes tables des 104 und der Pizzalieferwagen.

Schaufenster der Emmaus-Boutique © Thérèse Hilbold

Anreise:

Centquatre
5, rue Curial
75019

Metro: Riquet und Crimée (Linie 7), Stalingrad (Linien 2, 5 und 7), Marx-Dormoy (Linie 12)
Bus: Linien 54 und 60 (Haltestellen Crimée/Curial, Riquet)

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